Reden im Landtag
10.03.2016, 12:00 Uhr | Hannover
 
Inklusion, Deutsch als Zweitsprache und Berufsorientierung in der Lehrerbildung stärken
Abschließende Beratung: 
Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen - Drs. 17/4525
Hannover - Herr Präsident! Meine Damen und Herren!

Dieser Antrag von Rot-Grün ist schon ein bisschen eigenartig.
Herr Kollege Santjer, deshalb haben Sie auch fünf Minuten lang ein intensives Bekenntnis zur Inklusion abgelegt, bevor das erste Mal das Wort „Lehramtsausbildung“ fiel.

Normalerweise werden in einem Antrag Forderungen erhoben und begründet. Dann kann man sich damit auseinandersetzen und manchmal sogar aufregen. Alles das ist hier aber nicht der Fall. Sie formulieren einerseits Selbstverständliches, wie Sie das auch in Ihrer Rede fünf Minuten lang getan haben. Es geht um veränderte gesellschaftliche Anforderungen an den Lehrerberuf, um Inklusion und um Förderdiagnostik. Ich nenne jetzt sogar konkrete Punkte aus Ihrem Antrag. Übrigens: Wir hätten uns gerade für die Förderschulen Lernen schon eine etwas bessere Zukunft gewünscht.

Sie sprechen von Deutsch als Zweitsprache - völlig nachvollziehbar -, allerdings verbunden mit der Behauptung, dass nun erst einmal Basiskompetenzen geschaffen werden müssten, um solche Defizite abzubauen. Unterstellen Sie eigentlich, dass das bisher nicht der Fall war? - Unterschätzen Sie nicht das, was Lehrerinnen und Lehrer auch beim Aufarbeiten von Sprachdefiziten immer geleistet haben!

Übrigens: Bei Ihrem Sinn für Sprachförderung hätten wir uns schon ein paar Sprachförderklassen mehr gewünscht - oder auch Sprachlerngruppen als sehr flexible Variante. Davon sprechen Sie ebenfalls nicht.
Die Berufsorientierung in Schulen haben Sie übrigens auch nicht erwähnt. - Ich glaube, ich setze mich mit dem Antrag mehr auseinander als Sie.

Für das Lehramt an Haupt- und Realschulen wünschen Sie sich nun mehr Kompetenzen, was die Ausbildungs- und Berufsfähigkeit angeht. Auch das gehörte - jedenfalls dann, wenn man den Schulalltag kennt, was ich nicht bei allen voraussetzen darf - immer zu den Basiskompetenzen von Lehrerinnen und Lehrern, und zwar an allen Schulformen; denn Schüler stehen häufiger mal an einem Scheideweg und wissen nicht, wie es bei ihnen weitergehen soll.

Ich stelle also erst einmal fest: Aus Unkenntnis oder welchen Gründen auch immer haben Sie doch recht bescheidene Vorstellungen von dem, was Lehrerinnen und Lehrer vor Ihrem Antrag und vor Ihrem Regierungsantritt bereits konnten.

Eigentlich geht es Ihnen aber auch um etwas anderes. Im Grunde geht es Ihnen um das Loben des Vorhandenen und ein Weiter-so. Da sind Sie netterweise auch nicht so konkret auf Ihren Antrag eingegangen. Gucken Sie einmal in den Mittelteil mit der Begrüßungsarie! Ihre Begrüßung dessen, was die Landesregierung getan hat, ist erheblich länger als Ihre Forderungen. Das sind dann noch drei kleine Pünktchen, die auch jedes Mal mit einem „Weiter-so“ versehen sind. Die Regierungsparteien wollten sich hier also abfeiern. Unter diesem Aspekt erwarte ich dann auch den Beitrag unserer Kultusministerin.

Übrigens: In der Unterrichtung listete die Landesregierung mit Hinweis auf die veränderte Verordnung über Masterabschlüsse für Lehrämter in Niedersachsen auch auf, dass gerade die Kompetenzen - jetzt könnte man denken, ich würde aus Ihrem Antrag zitieren; aber das zitiere ich aus der Unterrichtung - in den Bereichen Umgang mit der Heterogenität von Lerngruppen, Umgang mit Inklusion, Grundlagen der Förderdiagnostik und Deutsch als Zweitsprache sowie interkulturelle Kompetenzen vermittelt würden. War das zufällig? - Nein. Es ist das, was auch Sie fordern. Wenn das kein Zusammenspiel ist! Ich würde das sogar als eine ganz gelungene Teamarbeit zwischen Regierungsparteien und Landesregierung bezeichnen. Nur, das ist nicht Sinn eines Antrags!

Vor diesem Hintergrund will ich Sie bitten, dafür Sorge zu tragen, dass Sie die Lehramtsausbildung nicht überfrachten. Sie haben hier bekenntnishaft ein paar Punkte genannt. Vergessen Sie nicht: Es gibt ganz, ganz breite Grundlagen - fachlicher Art, inhaltlicher Art, didaktisch-methodisch, Evalua-tionsverfahren, die ganzen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Erziehung und Bildung und alles Mögliche. Wenn jetzt die neuen Ansprüche hinzukommen - da kommt noch etwas hinzu; Sie haben ja gesagt, Basiskompetenzen seien neu zu schaffen; es ist also ein Mehr -, dann müssen Sie natürlich überlegen, wie Sie die Lehramtsausbildung umbauen.

Was für die Lehramtsausbildung gilt, nämlich der dringende Rat, die Lehramtsstudenten nicht zu überfordern und überfrachten, gilt natürlich erst recht für die tägliche Unterrichtspraxis. Denken Sie einmal an Inklusion mit Schülern mit verschiedenen Einschränkungen - Sie haben ja auch welche genannt -: körperlich, geistig, sozial-emotional und andere Arten. Das ist schon ein Riesenfeld. Jetzt kommt die Integration von Migrantenkindern dazu. Das ist für uns immer ein Begriff. Es gibt aber kaum eine Gruppe, die heterogener ist als die Migrantenkinder selber. Der Ministerpräsident hat ja in seiner Regierungserklärung dankenswerterweise sehr ausführlich darauf hingewiesen.

Nun zur Berufsorientierung. Sie führen aus - das alles haben Sie nicht gesagt; es steht aber in Ihrem Antrag, mit dem ich mich ja nun auseinandersetze -, das verlange neue Basiskompetenzen; diese müssten integraler Bestandteil einer jeden Lehramtsausbildung sein. Das soll doch heißen: Von den Kolleginnen und Kollegen in den Schulen soll jede und jeder alles können und alles machen. - Ganz nebenbei sollen von den Schülern ja auch noch schulische Leistungen erbracht werden.
Ich sage Ihnen: Überfrachten Sie die Lehrerinnen und Lehrer, die es bereits vor unser aller Bekenntnis zur Inklusion schwer genug hatten, nicht mit Aufgaben, Verantwortungen und Arbeit!

Sonst ist vorprogrammiert, dass die jungen Anwärterinnen und Anwärter in einigen Jahren unter Umständen nervlich ihrer beruflichen Arbeit nicht mehr gewachsen sind. Meine Damen und Herren, genau dem sollten wir alle vorbeugen - jetzt Sie und dann wir, wenn wir das weitermachen.

Übrigens haben Sie sich in der Diskussion auch mit einem weiteren Punkt nicht auseinandergesetzt. Eigentlich gehörte das in den Wissen-schaftsausschuss, war dann aber im Kultusausschuss. Das Ganze wäre auch, sagen wir einmal, farblos abgelaufen, wenn im Wissenschaftsaus-schuss eine der Kolleginnen nicht gefragt hätte: Wie ist es denn mit einer zusätzlichen Finanzierung, wenn eventuell Sprachbildungszentren eingerichtet werden? - Das haben Sie eben auch nicht erwähnt.

Ich weiß auch nicht. Ich komme mir komisch vor, dass ich mich so mit Ihrem Antrag auseinandersetze. Aufgelistet worden ist dann, was man denn so alles macht. Im Haushaltsausschuss - auch das habe ich verfolgt - ist ganz deutlich gefragt worden: Welches sind die haushaltsmäßigen Auswirkungen? Was kommt denn da Neues? - Da wurde lediglich gesagt: Das, was wir machen, ist in den bereits genehmigten Haushalten 2015 und 2016 abgesichert. Also: Alles bekannte Sachen. Die müssen nicht neu beantragt werden.

Dann hat noch einmal jemand gefragt: Geht es nicht doch um neue Maßnahmen? - Auf diese Frage hat die Abgeordnete Frau Geuter, der ich dafür sehr dankbar bin, geantwortet: Festzustellen, ob etwas Neues kommt, ist Aufgabe der Haushaltsberatungen der kommenden Jahre. - Jahre! - Alles andere wäre unredlich. Eine sehr ehrliche Antwort. Danke dafür, Frau Geuter.
Mit anderen Worten: Nach diesem langen Verfahren haben wir nun endlich Klarheit darüber, was Sie wollen. Das ist aber überhaupt nichts Neues.

Deshalb haben Sie an den Anfang Ihrer Rede auch Ihr endloses Bekenntnis zur Inklusion - dem Grundgedanken der Inklusion, der umzusetzen ist, schließen wir uns an - gestellt. Das heißt: Sie wollten eigentlich gar keinen Antrag stellen. - Vielmehr wollten Sie nur sagen: Mensch, guck mal! Sind wir nicht toll? - Wie gesagt: Unter diesem Aspekt erwarte ich gleich auch die Rede der Ministerin.

Ihr Antrag ist ein reiner Schaufensterantrag: Sich abfeiern lassen für das, was man gemacht hat, und dann geht es weiter nach dem Motto „weiter so“. Außerdem ist Ihr Antrag - ich will nicht „unredlich“ sagen; denn wir wollen nach der hitzigen Debatte von eben moderat bleiben - mindestens überflüssig. Überflüssigen Sachen müssen wir uns hier nicht anschließen. Deswegen lehnen wir Ihren Antrag ab.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
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