Reden im Landtag
31.10.2013, 15:00 Uhr | Hannover
 
Verbraucherschutz fängt bei Verbraucherbildung an - Verantwortung der Schulen verstärkt ausbauen
Verbraucherschutz fängt bei Verbraucherbildung an - Verantwortung der Schulen verstärkt ausbauen - Antrag der Fraktion der CDU - Drs. 17/825

Hannover -
Verbraucherschutz ist ein hohes Gut. Darüber sind wir alle uns einig. Deshalb versucht der Staat, dem durch rechtliche Vorgaben gerecht zu werden. Richtig funktionieren kann Verbraucherschutz aber nur, wenn der Verbraucher selbst seine Rolle aktiv wahrnehmen und mündig und kritisch entscheiden kann. Dazu braucht er ein umfangreiches Wissen. Er muss auch die Auswirkungen seiner Entscheidungen kennen.

Das gilt beileibe nicht nur für den Lebensmittelsektor - welche Eier kaufe ich, welches Fleisch? -, sondern das gilt auch für alle anderen Bereiche. Umfassender Verbraucherschutz erfordert deshalb Verbraucherbildung, und bei Bildung ist immer auch die Schule gefragt.

Meine Damen und Herren, alarmierend ist doch die Hilflosigkeit gerade vieler junger Menschen als Verbraucher, von der wir häufig in den Medien hören. Wir kennen auch selbst solche Beispiele. Ob nun Jugendliche unbedacht einen Handyvertrag abschließen und sich dabei finanziell übernehmen und dann nicht mehr aus dem Vertrag herauskommen oder ob sich manch junge Familie, die Kaufentscheidungen trifft, ohne zu realisieren, ob sie sich das nun eigentlich leisten kann, in ihrer Not vielleicht auch noch Kredite aufhalst und so unter Umständen in eine Schuldenspirale kommt - da steht dann unendliches menschliches Leid bevor. Oder denken wir an junge Familien, die kaum wirtschaften können, nicht weil sie zu dumm sind, sondern weil es ihnen nie jemand wirklich beigebracht hat. Oder denken wir an junge Mütter - ich nenne sie, weil sie häufiger mit kleinen Kindern zu Hause sind -, die aus Zutaten keine einfache Mahlzeit bereiten können, die oft noch gesünder und auch billiger wäre als ein Fertiggericht und erst recht als Fastfood. Diese Beispiele könnten wir alle hier im Raum beliebig fortsetzen.

Sie zeigen doch, dass wir junge Menschen besser auf ihr Leben als Verbraucher vorbereiten müssen, nicht nur, wie es die Schule auch tut, aufs Berufsleben; denn Verbraucher, meine Damen und Herren, sind wir immer: Ob wir berufstätig oder Hausfrau sind, ob arbeitslos, ob Rentner, ob Jugendlicher - Verbraucher sind und bleiben wir ein Leben lang.
Meine Damen und Herren, da ist dann natürlich auch die Schule gefragt, und zwar schon deshalb, weil sie junge Menschen viele Jahre ihres Lebens begleitet und - den Eindruck hat man; vielleicht auch nachgewiesenermaßen - nach den Eltern die Instanz ist, die Wertvorstellungen von Menschen am meisten mitprägt, noch vor Freunden und Modetrends, jedenfalls bei den dauerhaften Wertorientierungen.

Da ist das Problem natürlich drängend; denn Verbraucher sind immer mehr Informationen ausgesetzt. Die Zusammenhänge - das sehen wir auch bei etlichen Punkten, die wir hier behandeln, gerade auch im landwirtschaftlichen Bereich, aber nicht nur dort - sind immer komplexer. Halbwertszeiten unseres Wissens werden kürzer, nicht nur bei Smartphones und Computern, wo uns das allen natürlich sofort einleuchtet. Nein, überall im Marktgeschehen gilt das, und das gerade in einer globalisierten Welt, nicht zuletzt etwa bei der Frage, was nachhaltiger Konsum ist, sondern das gilt ebenso für den Finanzbereich. Das fängt bei der Sparkasse vor der Haustür und beim Versicherungsangebot an. Das gilt aber auch für alle anderen Bereiche. Da gibt es zum einen die ganz vielen Informationen, dann die fehlenden - die Zusammenhänge sind nicht klar. Das erschwert die Orientierung.

Die Abhängigkeit von einseitigen Informationen und auch von der Werbung wächst dann, zumindest besteht diese Gefahr. Hinzu kommt - gerade das ist sehr gefährlich und eine Verführung besonders für junge Leute, glaube ich, aber nicht nur für sie - die schnelle Verfügbarkeit von Käufen durch das Internet. Dem dürfen junge Menschen nicht hilflos ausgesetzt sein.
Oberstes Ziel muss deshalb die Herausbildung von Alltagskompetenzen, erarbeitet an lebenspraktischen Beispielen, sein, wodurch über Jahre hinweg auch etwas wächst, das ich Lebenstüchtigkeit nennen würde.
Ziel von Verbraucherbildung ist demnach ein Verbraucher und Konsument, der selbst umfassend informiert ist bzw. Informationsangebote, die es ja gibt, sinnvoll für sich zu nutzen weiß und dann frei entscheidet, dabei aber sehr wohl die Konsequenzen seiner Entscheidungen kennt.

Das hat überhaupt nichts mit Gängelung zu tun - von wegen „du sollst dies tun oder jenes essen“. Das hat aber zu tun mit Verantwortung, mit Verantwortung für sich selbst und für die Gesellschaft; denn natürlich haben Verbraucherentscheidungen auch Rückwirkungen. Es geht also auch um das Wissen über Möglichkeiten des Einflusses der Verbraucher und über seine Stellung in der Kette von der Produktion bis zum Endverbraucher. Das gilt beileibe nicht nur für den Lebensmittelbereich, wenn es uns da vielleicht auch zu allererst einfällt.

Meine Damen und Herren, nicht umsonst wird Verbraucherbildung in der Schule in allen Bundesländern als wichtig anerkannt, zumindest rein theoretisch, ist aber je nach Schulform und Unterrichtsfach - ich habe mir das einmal angesehen - sehr, sehr unterschiedlich gewichtet, natürlich auch noch nach den Bundesländern. Viele Bereiche werden kurz angesprochen, gestreift.

Ernährung etwa kommt da im Biologieunterricht noch mit am besten weg. Energie wird im Physik- und Sozialkundeunterricht behandelt, jetzt auch unter ganz neuen Gesichtspunkten. Der Umgang mit Taschengeld wird in der Grundschule behandelt. Manches kommt später im Sozialkundeunter-richt, vor allem in der Oberstufe des Gymnasiums.

Aber ich denke, das alles reicht noch nicht. Woran es fehlt, ist, dass Verbraucherbildung als Erziehungsziel durchgängig anerkannt, gehandhabt und umgesetzt wird.

Meine Damen und Herren, nicht umsonst beschäftigt sich zurzeit auch die Kultusministerkonferenz mit Richtlinien zum Verbraucherschutz; allerdings kenne ich die Zwischenergebnisse nicht. Niedersachsen hat sich in dieser Richtung für einen integrativen Ansatz entschieden, d. h. kein eigenes Unterrichtsfach. Damit kann man leben.

Was also müssen wir demzufolge dann tun? - Zunächst einmal müssen wir Lehrpläne und Curricula und alles, was in den Unterricht gelangt, also Unterrichtsmaterialien und Schulbücher, durchforsten und dafür sorgen, dass sie kontinuierlich - hintereinander, nicht immer mal so ein bisschen - und konsequent aufeinander aufbauend, also immer mit dem entsprechenden Lern- und Erkenntnisfortschritt, Verbraucherbildung vermitteln, und nicht nur bruchstückhaft mal dies, mal das, was dann zum Teil eher zufällig wirkt.

Das gilt für viele Bereiche, auch, was ich gestreift hatte, für den Umgang mit Finanzen, Geld, Geldinstituten. Es ist sinnvoll, dass ein 15-Jähriger nicht nur in einer Fremdsprache irgendwo ein Ticket kaufen kann, sondern dass er auch - Überweisungsträger sind nun fast out - in einem Geldinstitut klarkommt, dass er weiß, was Kredite sind, wann diese infrage kommen, welche Folgen sie haben können. Es geht um wirtschaftliches Verhalten insgesamt, nämlich um den Bereich des Sparens und der Schulden.

Oder es geht auch um Verbraucherrechte in einem engeren Sinne, wie wir es häufig verstehen, um Haftung, Garantien, Gewährleistung und Ähnliches. Im Bereich von Ernährung geht es nicht nur um Gesundheit, was einem zunächst in den Sinn kommen mag - das ist sicherlich wichtig -, sondern es geht auch um Haushaltsführung und - das nenne ich ausdrücklich - es geht auch um Kenntnisse über Nahrungsmittelproduktion und Tierhaltung.
Nicht umsonst nenne ich genau an dieser Stelle einen anderen Bereich: Käufer sollten wissen, wie Preise zustande kommen. Das bezieht sich nicht nur auf die eben erwähnten Lebensmittel und auf die Nahrungsmittel-produktion, sondern das gilt allgemein. Ich denke da nicht nur an Eier - die haben wir da manchmal besonders im Kopf -, ich denke auch etwa an die Strickjacke für 7 Euro, die mancher - nicht nur Jugendliche - in einer hellbraunen Tüte mit hellblauer Aufschrift hier durch die Stadt trägt, und nicht nur hier.

Mit Sicherheit, meine Damen und Herren, sollten unsere jungen Leute auch mehr - sofern sie überhaupt etwas bisher davon wissen - über Versiche-rungen wissen. Bei den freiwilligen Versicherungen - die können sie oft nicht von den gesetzlichen und den Sozialversicherungen unterscheiden - kann man feststellen, dass ein Teil der Deutschen immer noch überversichert ist, weil ihnen irgendwann irgendjemand etwas aufgeschwatzt hat. Die Bedeutung der Sozialversicherungen - Kosten, Nutzen, Gebrauch - sind ein ganz wichtiger Punkt für ihre eigene Zukunft.

Lassen Sie mich jetzt am Ende noch einen Punkt nennen, über dessen Wichtigkeit wir uns sicherlich auch verständigen können. Es geht um den bewussten Umgang mit elektronischen Medien und sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und all dem, was auf diesem Sektor noch kommen wird. Sie erinnern sich: Vor Jahren standen im Fokus unseres Interesses - gerade auch für die Schulen - die technische Handhabung von Computern und ihre inhaltliche Nutzung für den Unterricht. Jetzt, meine ich, geht es um etwas anderes, nämlich um den Selbstschutz junger Leute als Verbraucher und als Nutzer dieser Medien und dieser Netzwerke.

Ich betone es noch einmal - damit hier nicht gleich wieder einer einen Schrecken kriegt -: Wir brauchen für all das kein zusätzliches Unterrichtsfach und keine zusätzlichen Stunden. Was wir aber brauchen, ist ein neuer Blickwinkel darauf, was wir unterrichten und mit welchen Beispielen, wie wir das Wissen transportieren und was dabei herauskommt - ob wir da nun den Handyvertrag mit seinen Folgekosten im Matheunterricht bearbeiten oder was auch sonst.

Wir haben viele Verbündete, die uns in den Schulen auch außerhalb des Unterrichts - in Projektwochen, in Praktika, in der Ganztagsschule - helfen, von ihren Erfahrungen und Kompetenzen zu profitieren. Ob Landfrauen, Verbraucherzentralen, Geldinstitute, Bildungseinrichtungen und Schuld-nerberatungen: Ich bin sicher, sie alle werden uns dabei helfen. Nutzen wir das für die Schule!

Verbraucherbildung ist unser Auftrag. Ich bitte - gerade bei diesem wichtigen Ziel - alle hier im Hause um eine gemeinsame Arbeit. Ich denke, die Bürger in diesem Lande erwarten auch, dass wir einmal unisono sagen: Genau daran arbeiten wir. - Ich denke, das sind wir den jungen Menschen im Lande Niedersachsen - auch woanders, aber wir sind für Niedersachsen zuständig - schuldig.

Ich freue mich in diesem Fall besonders auf die Beratungen im Ausschuss, und ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

CDU Deutschlands CDU-Mitgliedernetz Online spenden Deutscher Bundestag
Angela Merkel CDU.TV Newsletter CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag
Hermann Gröhe Angela Merkel bei Facebook Hermann Gröhe bei Facebook
© Wahlkreis Elbe, Niedersachsen MdL  | Startseite | Impressum | Kontakt | Inhaltsverzeichnis | Realisation: Sharkness Media | 0.11 sec. | 6480 Besucher